Miria - Der Roman

Buchauszug

Klares, glitzerndes Quellwasser plätscherte fröhlich talwärts in einem Gebirge fernab jeglichen unheilvollen Geschehens; in der friedlichen, ungetrübten Ruhe von Ak, der Heimatgalaxie Artans, die auch Salios Heimat war.

Hier lebte auf einem kleinen, für andere Welten nicht zugänglichen Planeten ein wunderliches Völkchen, Geschöpfe mit zwei kurzen Beinen und einem kurzen, kräftigen Leib. Der Kopf war etwa so groß wie der Rumpf und im Zentrum des Gesichts glitzerten glasklar zwei große, kreisrunde Augen in leuchtendem Bernsteingelb mit tiefschwarzen Pupillen. Die Nase zeichnete zwei kurze, aber prägnante Linien zu einem beinahe gleichschenkligen Dreieck, und der darunter befindliche Mund war so groß, daß er beim Öffnen beinahe an die Augen heranreichte.

Dicke, hellrosa gefärbte Lippen formten sich zu sympathischem Lachen, wenn die Geschöpfe bei guter Laune waren, konnten jedoch die dahinter verborgenen Zähne bedrohlich hervortreten lassen, wenn sie miteinander stritten.Vier Arme waren dabei dienlich, Gegenstände zu halten und gleichzeitig zu bearbeiten oder zu gestikulieren. Und auf den kurzen, wendigen Beinen konnte sich das Geschöpf wieselflink voranbewegen. Hohes, blühendes Gras bedeckte den Boden, und zahllose buntgefiederte Vögel und Schmetterlinge in reichlicher Farbenpracht kreisten über den Köpfen der kleinen Geschöpfe.

Eine bemerkenswert kleine, leuchtend gelbe Sonne zog langsam ihre Bahn über eine Gebirgslandschaft, in der Ferne sah man Wälder in sattem, saftigen Grün. In den Tälern herrschte der berauschende Duft blühender Obstbäume. Kräftiges, kurzes Gestrüpp bedeckte die Hänge in den Höhenlagen. Seit vielen Tausenden von Jahren hatte sich das Leben auf diesem Planeten kaum nennenswert verändert. Mit jeder Umkreisung um seine kleine, gelbe Sonne malte der Himmelskörper einen weiteren Kreis in die ewigen Logbücher der Götter, und kein nennenswertes Ereignis war zu vermelden gewesen bis zu jenem Tag, da der Sohn des Königs Artan zu ihnen zurückgekehrt war mit der Bitte, ihn schnell mit einem neuen fleischlichen Körper auszustatten, der in allen Merkmalen jenem glich, den er in seinem letzten, ungleichen Kampf verloren hatte.

Salio verzehrte eine frisch gebratene Mahlzeit mitten in der ruhigen Einöde, während die letzten Holzreste eines Lagerfeuers allmählich dahinglühten. In seiner Seele herrschte trotz des neuen körperlichen Lebens, das er beseelte, Trauer. Seine Gedanken weilten bei Miria, die er niemals vergessen konnte. Seine Erinnerung weilte immer wieder bei jenem Abend auf Sal, als Miria und er die letzten Vorbereitungen für seinen Abflug nach Ratar-Te getroffen hatten. Seither mußten auf Sal viele Monate vergangen sein. Nach Tagen der Bewußtlosigkeit war Salio damals in seinem Raumschiff erwacht und fand zu seiner Überraschung heraus, daß Miria weder im Schiff noch in ihrer gemeinsamen Behausung zu finden war. Nachdem sich Salio orientiert und gestärkt hatte, versuchte er sie ausfindig zu machen. Miria hätte ihn auch niemals im bewußtlosen Zusand tagelang im Raumschiff allein gelassen. Wohl kaum war sie Hilfe holen gegangen, denn auf Sal gab es niemanden, den man um Hilfe fragen konnte. War Miria genauso wie er in Bewußtlosigkeit gefallen und am Ende entführt, möglicherweise gefangen genommen worden? Hatte Rodor sie doch entdeckt? Salio schloß diese Möglichkeit nach einigem Hin und Her aus, denn dann hätten Rodors Schergen auch ihn, Salio, mit Sicherheit mitgenommen. Was aber war geschehen?

Salio wartete einige Tage, ohne daß er irgend ein Lebenszeichen von Miria wahrnehmen konnte. Er entblockte die Energiekonverter des Raumschiffs, die er am Abend vor der Abreise zur Sicherheit an einem versteckten Schalter blockiert hatte, und flog einige Erkundungsflüge über Sal. Nirgends konnte er eine Spur von Miria ausmachen. Auch die sonst übliche telepathische Verbindung funktionierte nicht. War sie tot? Auch ohne Schiff machte sich Salio in tagelangen Märschen auf die Suche. Doch außer einer merkwürdigen Spur, die er nie zuvor auf Sal gesehen hatte, konnte er in der näheren Umgebung nichts entdecken, was auf Mirias Verschwinden oder Verbleib gedeutet hätte. Er folgte der Spur meilenweit, bis er nach einigen Tagen dahinter kam, daß es sich hier um ein ziemlich großes Tier handeln mußte, das sie beide zuvor nie gesehen hatten. Salio hatte das Gefühl, die Spur könnte ihn zu Miria führen.

Sie endete abrupt an einem großen See, etwa vierzehn Meilen von ihrer Behausung entfernt. Nach einigen Tagen sah er zum ersten Mal jenes Geschöpf, das die Spur wohl verursachte. Es schien seine Behausung unter Wasser zu haben, und immer wenn es auftauchte, verbreitete sich ein übler Geruch in der Luft. Salio studierte die ihm fremde Kreatur. Sie war quallenähnlich, ohne Kopf, aber mit einem Sehrorgan mitten in ihrem Rumpf. Der gräulich schimmernde, runde Leib war mindestens viermal so groß wie er. Auf Hunderten stumpfen Enden, die es aber auch einziehen konnte, bewegte sich das eigenartige Geschöpf, oder es rollte bedrohlich und plump vorwärts. Salio beobachtete die Wege und das Gehabe des fremden Getiers aufmerksam. Kurze Zeit später verschwand das Tier im Wasser. Vorsichtig schlich sich Salio an den See heran. Von dem Getier war nichts mehr zu sehen.